Die Jagd nach Ruhm – eine Kurzgeschichte

„Die Jagd nach Ruhm und Ehre ist die verbreitetste von allen Torheiten dieser Welt.“

-Michel de Montaigne

 

„3…2…1… LOS“, ertönt das Startsignal, begleitet vom lauten und schallenden Startschuss der Pistole. Die Anspannung vor dem Start drohte mich zu zerreißen, aber nach Beginn ist alles anders. Schnell und präzise bewege ich ein Bein vor das andere und ich voll fokussiert,  jetzt zählt nur noch der Sieg. Ich treibe meinen Körper bis an seine Grenze und darüber hinaus. Das Publikum auf den Rängen nehme ich nur als verwischte Konturen war. Leise, wir durch einen Schleier der Taubheit höre ich meine Eltern schreien, ich solle alles geben. Ja, nur noch die letzte Kurve und ich bin an der Spitze. Dicht hinter mir spüre ich wie Tony nochmal versucht anzugreifen und an mir vorbeizukommen. Ich gebe alles. Mobilisiere alle Kräfte die mein Körper bereit ist aufzubringen. Wie in Trance setze ich in gewohnter Manier zum Schlussspurt an und sehe wie ich dem gelben Band der Ziellinie immer näher komme. Irgendwo entfernt, kaum wirklich, spüre ich die Anstrengung in meinem Körper, aber die Euphorie obsiegt. So wie ich! Wie in Zeitlupe spannt sich das Band um meinen Bauch, bis es mich befreit und den Sieg preisgibt. Gewonnen ! Plötzlich, als würde dieser dämpfende Schleier zerrissen, prasseln die Eindrücke wieder auf mich ein. Es fühlt sich an als wäre ich unter Wasser gewesen und nun nehme ich wieder den tosenden Beifall, das Jubeln und Grölen der Menge war. Meine Mutter, wie sie zu Tränen gerührt und voller Freude applaudiert. Mein Vater, wie er mit seinen Händen versucht seiner Stimme einen lauteren Klang zu verschaffen. Ich verstehe nicht was er sagt, aber nach kurzer Zeit reißt er seine Fäuste in die Luft und stimmt in die Jubelrufe ein. Dieser Moment war unbeschreiblich schön und von Glück erfüllt, doch die Zeit danach war seltsam. Es ging alles so schnell. Das ganze Lob, die Gratulanten, Familie und Freunde die mich feiern. Die nächsten Wochen in der Schule. Die respektvollen Blicke und jeder versuchte sich mit zu unterhalten, meinte mich zu kennen oder kennen zu wollen. Menschen die mich vorher ignorierten, schenkten mir auf einmal Beachtung. Es war ein sehr komisches Gefühl, Stolz gemischt mit einer unangenehmen Verwirrung. Aber auch das war nach ein paar Wochen vorüber. Das Ziel die Meisterschaft zu gewinnen hatte ich erreicht und somit auch meinen Traum, aber das Glückgefühl verließ mich ebenso schnell wie es gekommen war. Eine Leere breitete sich in mir aus, was nun? Wie geht es weiter? Ohne Ziel, ohne Sinn, was soll ich als nächstes tun? Ich habe die letzten Jahre auf dieses Ereignis ausgerichtet und jetzt, nach einigen Wochen ist der Ruhm verblasst.

Das war der Punkt an dem ich merkte, das mir der Ruhm keine Erfüllung bringt und ich nicht von dem Ereignis, sondern meinen Vorstellungen und der Erwartung enttäuscht wurde, also von mir selbst.

Auf die geschriebenen Zeilen blickend fühle ich mich auf einmal innerlich frei. Ich lege den Stift neben mein Notizbuch, verschränke die Arme hinter dem Kopf und lasse mich langsam nach hinten in den weichen, nachgebenden Schreibtischstuhl sinken. Mein Blick wander von meinem Hefter, über einen flackernden Monitor, auf das an der Wand hängende Bild der damaligen Meisterschaft. Ich mustere mich und die beiden anderen vor Glück strahlenden Jungen, wie wir unsere Medaillien stolz der Kamera präsentieren.

„Ein schöner Tag war es trotzdem“, sage ich leise schmunzelnd, während ich meinem jüngeren, grinsenden ich in die Augen sehe.

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