Wie der Vater, so der Sohn

Wow, die Eisenbahn sieht schön aus während sie so durch die Landschaft fährt. Vorbei an hohen Bergen, tiefen Tälern und sie führt durch ein Gebiet, das von Cowboys und Indianern umkämpft ist. Langsam schiebe ich meine Modelleisenbahn über den Sandfarbenen Teppich, mitten durch ein Schlachtfeld aus grimmig wirkenden Lego- Figuren.
Die Indianer wollen den Zug angreifen und die Cowboys auf den Pferden sind wild entschlossen ihn zu verteidigen. Huch, was war denn das für ein Poltern ?
Ich schaue langsam von meinem Teppich zur Tür und bemerke dass ich mich wieder in meinem Zimmer befinde. Mein Blick schweift umher, jedoch kann ich nichts ungewöhnliches entdecken. Mein kleiner Bruder schläft ruhig in seinem Gitterbett und auch das Mobile, bestehend aus hellen, gelben Sternen und Monden hängt ruhig an der Decke über dem Bett. Auch die Superhelden Figuren auf der Fensterbank stehen an ihrem rechtmäßigen Platz.
Hab ich mir das vielleicht nur… da war es schon wieder ! Ach bestimmt streiten Mama und Papa wieder, so wie immer… Ich hätte so gerne dass sie damit aufhören und sich lieb haben, aber wenn ich was sage, schlägt Papa mich wieder.
Leise robbe ich über den Teppich zu meiner Tür und versuche zu lauschen, ohne dabei selbst ein Geräusch von mir zu geben.
Ohje, so wie das klingt ist gerade jemand hingefallen und jetzt fangen sie auch noch an zu schreien. Sie sollen aufhören, das ist doch total blöd sich immer zu streiten. Papa bringt Mama gleich bestimmt wieder dazu dass sie den Mund hält, dann kann ich weiter spielen.
In diesem Moment höre ich, wie mein kleiner Bruder nun auch anfängt sich mit quengeligem Geschrei bemerkbar zu machen. Ich nehme das Ohr von der Tür und gehe schnell zu meinem Bruder um nach ihm zu sehen. “Ist ja alles gut, sie hören gleich auf ”, sage ich zu ihm, während ich mich hinunter beuge und sein weiches, mit rosa Wangen schimmerndes Gesicht streichle. “Es wir alles gut, glaub mir Tommy”, versuche ich weiter beruhigend auf ihn ein zu reden.
Sie sollen endlich aufhören, alle still sein. Jetzt schreien sie sogar noch lauter, ich halte es nicht aus, seid doch ruhig… und warum hört Tommy nicht auf ? Ich habe alles so gemacht wie Mama sonst.
„Halt den Mund und sei bitte still “, zische ich leise in Richtung meines Bruders.
Ich weiß nicht was ich noch tun soll, ich ertrag diesen Lärm nicht, es macht mich wahnsinnig. Vielleicht klappt es ja so, wie Papa das immer macht.
Meine Hände bewegen sich wie automatisch auf den Hals meines Bruders zu und umschließen ihn.
Er ist zwar mein kleiner Bruder, aber trotzdem muss dieses Geschrei endlich aufhören bevor Papa richtig genervt ist und ich wieder bestraft werde das es laut war.
Mein Griff um seinen Hals wird unaufhaltsam enger und ich merke, wie die erhoffte Reaktion ins Gegenteil umschlägt und Tommy unruhiger und lauter wird. Einen Moment zucke ich zusammen, denke daran wie angestrengt ich nach Luft schnappe wenn Papa dies mit mir macht. Doch es muss ja so sein, denn ich werde dann auch schlagartig ruhig wenn er es macht.
Wieso funktioniert das nicht ? Fester, ja ich muss fester drücken, das wird es sein.
Die Muskeln meiner kleinen Arme werden gespannt und das Weinen und Wimmern nimmt mittlerweile die Form eines röcheln an. Sich windend liegt dieser kleine Junge unter mir, mit bebenden Lippen und zusammengekniffenen Augen. Kleine Tränen erscheinen in den Augen und der Körper windet sich immer weiter.
Dabei müsste er doch nur aufhören zu schreien, so wie Mama sonst.
„Ich will dir doch nicht weh tun Tommy, aber du musst jetzt die Klappe halten, kapier das doch… Bitte Tommy.. Bitte.” Die winzigen Hände greifen nach meinen Fingern und versuchen daran zu ziehen, sie zu biegen, zu öffnen. Dann auf einmal fallen sie nach unten und der kleine Körper erschlafft. Stille, im ganzen Haus. Langsam löse ich den Griff meiner Hände und streichle liebevoll Tommys Wange. “ Na siehst du, war doch gar nicht so schwer”, lobe ich ihn, während mir ein erleichtertes Lächeln ins Gesicht geschrieben steht.
Aber diese plötzliche Ruhe ist schon komisch.
“Ich glaube Mama und Papa haben aufgehört sich zu streiten, soll ich dir mal die Cowboys und Indianer zeigen ? “, frage ich in Richtung meines kleinen Bruders, während ich den reglosen Körper aus dem Gitterbett nehme. Behutsam schlängle ich mich mit meinem Bruder auf dem Arm durch die aufgestellten Figuren, bis ich beim Saloon angekommen bin. “Schon gut, Schlaf ruhig noch ein bisschen weiter, muss gerade sehr anstrengend gewesen sein. Ich zeige dir dann später alles, wenn du wieder wach bist Bruderherz…”. Vorsichtig lege ich ihn neben mich und schiebe die Eisenbahn näher an die Indianer heran.. das Abenteuer kann weiter gehen.
Diese Kurzgeschichte ist vor einigen Jahren entstanden und soll behandeln welch mächtigen Einfluss die Vorbildfunktion hat. Kinder lernen einen Großteil über das Beobachten ihrer Vorbilder und weniger von ihren Worten.
Ein achtsamer Umgang mit unseren Mitmenschen und insbesondere Kindern kann hier entscheidend sein, denn wer weiß, wer gerade zusieht und sich ein Beispiel an uns nimmt?
An dieser Stelle möchte ich meinem Cousin danken, der ebenfalls vor einigen Jahren einige meiner Texte auf seinem Blog veröffentlicht und vorher an einigen Stellschrauben gedreht hat. 🙂
Ich möchte dir an dieser Stelle für die vielen Inspirationen danken, die du mir mit auf den Weg gegeben hast.
Schaut gerne auf seinem Blog vorbei, der sich unter anderem mit Politik, Buddhismus, Quantenphysik, Pen and Paper RPG, Religion, Humanismus und Homosexualität beschäftigt, um nur einige wenige der Themen zu nennen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s