Ein grauer morgen-Kurzgeschichte über Mobbing

Es ist ein schöner Frühlingstag. Die Vögel singen ihre Lieder in den Bäumen, der Himmel ist klar und um mich herum sieht die Welt traumhaft aus. Aber nicht in mir. Schon länger kann ich diese Schönheit nicht mehr genießen, dafür ist zu viel passiert.

Angespannt gehe ich die Strecke zwischen der Fontanestraße und dem Kranichweg entlang. Ich merke, wie meine Hände sich vor Spannung zu Fäusten ballen und ich zu schwitzen beginne. Aber ich lasse mir besser nichts anmerken, denn falls sie in der Nähe sind, sollen sie meine Furcht nicht sehen. „Hey Glitzerfresse“, ertönt eine mir bekannte, schnarrende Stimme. Alles in meine inneren zieht sich zusammen, mein Magen verkrampft und meine Atmung beginnt zu rasen. Während ich mich umdrehe, suchen meine Augen die Büsche der Umgebung ab, vielleicht kann ich ja schnell weglaufen und mich verstecken? Die Häuser in der Umgebung wirken verlassen, wie in einem alten Western, indem sich alle Menschen in den Häusern verstecken, sobald der Bösewicht auftritt.

„Gitzerfresse, hörst du schlecht? Oder haben sie dir jetzt noch Schrauben in die Ohren gesetzt?“, fügt er grinsend hinzu, während sein sommersprossiges Mondgesicht immer näher kommt. Die grünen Augen fixieren mich, wie die eines Wolfes der seine Beute in die Enge treibt. Tatsächlich hat er auch seine vier schäbig grinsenden Freunde mitgebracht, die sich jetzt um mich stellen. „Warum bist du heute so spät? Du weißt das ich es hasse wenn du mich warten lässt. Also, wo ist mein Geld für die Pause?“,stellt er die gleich Frage, wie jeden Morgen.

„Ääääh“, beginne ich zu stammeln, „Meine Mutter hat heute morgen vergessen mir etwas zu geben, tut mir leid. Aber morgen bekommst du dann mehr dafür, versprochen.“

„Gut, morgen bekomme ich mehr. Aber davon kann ich mir heute immernoch nichts kaufen du Lappen. Vielleicht bist du dumm oder so? Muss ich dir nochmal erklären was du bringst mir jeden Tag Geld mit bedeutet? „

Als ich versuche zu Antworten, schubst er mich schon gegen die Jungen die hinter mir stehen und Hände greifen mich von hinten. Ich versuche mich loszureißen, doch vergeblich. Mein Herz schlägt jetzt wie wild und ich will nur noch hier weg. Doch egal wie ich mich winde, ich schaffe es nicht mich aus ihrem Griff zu befreien.

„Wollen wir mal nachsehen ob du uns nicht anlügst“, sagt Marius grinsend. Ich spüre wie mir mein Schulranzen vom Rücken gezogen wird und ahne schon was kommen wird. Heute wollte ich doch stark sein. Heute wollte ich mich doch wehren, aber ich habe wieder versagt.Diesmal wollte ich doch keine Angst zeigen, aber ich spüre wie tränen meine Wange hinunterlaufen und ich es nicht mehr unterdrücken kann, der Schmerz sitzt zu tief.

„Das Baby flennt jetzt sogar“, lacht einer seine Freunde und immitiert dabei das Weinen eines Babys. Die anderen stimmen in das schallende Gelächter ein.

Wie in Zeitlupe sehe ich, wie Marius den Verschluss meines Marvel Schulranzens öffnet. Wie gerne hätte ich auch Superkräfte. Ich würde dafür sorgen das es aufhört.
Aber es gibt keine Helden, niemanden der mir hilft wenn ich es brauche, nicht in dieser Welt.

Die Geräusche des Aufpralls meiner Federmappe, der Hefter und des Taschenrechners fühlen sich wie Schläge in meine Magengrube an. Er nimmt meine Federmappe, öffnet sie und kippt alle Stifte auf die Straße. Ich bin wie gelähmt. Als säße ich im Kino und würde mich von einem Film berieseln lassen. Kein Wort und keine Bewegung kommen aus mir heraus.

Ab jetzt läuft alles wie in einem Stummfilm. Ich sehe nur noch die lachenden Gesichter und spüre, wie ich losgelassen werde. Irgendetwas sagen sie in meine Richtung, doch die Welt ist still. Ich blicke ihnen hinterher, wie sie in Richtung Schule gehen und meine bleibe am Bild meiner Schulsachen auf der Straße hängen. Es sieht aus wie ein Schlachtfeld. Ein Kampf hat hier getobt, und meine Schulsachen haben ihn verloren. Ich habe ihn verloren. So wie ich immer verliere.
Vielleicht habe ich das ja verdient?
Immernoch wie benebelt, sammle ich die bunten Stifte von der Straße.

„Wie sollen dich denn andere mögen, wenn du dich selbst nichtmal magst?“, höre ich eine mir unbekannte und dennoch vertraute Stimme. Habe ich das gerade etwa laut gesagt? Ich richte meinen Blick in die Richtung, aus der die Stimme kam und erblicke einen Jungen, der mir ziemlich ähnlich sieht auf einer kleinen roten Mauer sitzen. Auch er hat grün-blaue Augen, kurzes, zersaustes braunes Haar und trägt eine Zahnspange. Aber sein Blick ist anders. Er ist voller Lebensfreude und Heiterkeit, ein verschmitztes Grinsen ziert sein Gesicht. Dennoch sieht er mich auf eine Weise an, als könnte er meinen Schmerz verstehen.

„Was meinst du damit? Und warum hast du mir gerade nicht geholfen?“, frage ich vorwurfsvoll.
„Naja, du sagst ganz schöne fiese Dinge zu dir selbst und erwartest das andere Kinder nett zu dir sind, das passt nicht ganz. Wie kannst du von anderen erwarten dass sie gut zu dir sind, wenn du es selbst nicht zu dir bist?“
„Was soll ich deiner Meinung nach tun, Mister super schlau?“, frage ich etwas genervt?
„Naja, wenn ich ehrlich sein soll, solltest du aufhören zu hoffen das es morgen besser wird, ohne etwas dafür zu tun. Jeden Tag aufs neue sagst du dir, morgen wird es anders und belügst dich damit selbst. Du musst einsehen wie die Situation ist und etwas dafür tun das es besser wird.
Natürlich ist die Situation beschissen, aber dadurch, dass du es dir ständig wieder erzählst was für ein armes Würstchen du bist und was du für ein Versager bist, wird es nicht besser.“

Wow, das hat gesessen. Ich muss meinen Blick von ihm abwenden und merke wie die Tränen wiederkommen. Aber er hat recht, ich muss etwas ändern.

„Und wie soll ich das anstellen? Die machen mich doch fer…“, wollte ich meinen Satz beenden, doch als ich hoch blicke, starre ich auf einen leeren Fleck auf der Mauer. Da wo gerade dieser Junge saß, ist nichts mehr. Ich blinzle kurz und schaue mich um, reibe meine Augen, doch weit und breit ist keine Spur mehr von ihm. Wie ein Phantom. Habe ich mir das nur eingebildet?

Verdutzt stecke ich die letzten Schulsachen, welche ich inzwischen wieder zusammengesammelt habe in meinen Schulranzen und setze mich auf die gleiche Stelle, an der vorhin der Junge saß. Bestimmt war das nur ein Traum oder so.

Auch wenn ich mir das immer wieder sage, hat sich irgendwas verändert, das spüre ich. Grübelnd sitze ich noch da und überlege, was es mit diesem Jungen auf sich haben könnte.
Heute werde ich meinen Lehrern bescheid sagen. Ich lasse das nicht mehr mit mir machen, auch wenn sie mich petze nennen, aber das kann so nicht weitergehen.

Ermutigt von diesem neuen Gedanken, der auch von diesem Jungen zu kommen scheint, setze ich meinen Weg Richtung Schule fort…

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